Nach Tariferfolg: Leiharbeiter werden Mitglied

5.10.2010 | Interview mit IG Metall-Bezirksleiter Oliver Burkhard

Nach Tariferfolg: Leiharbeiter werden Mitglied

Im Tarifergebnis für die Stahlindustrie wurde erstmals die Gleichbehandlung von Leiharbeitern ausgehandelt. Im Interview erklärt IG Metall-Bezirksleiter für NRW, Oliver Burkhard, warum das so wichtig ist, wie die IG Metall das gemeinsam mit ihren Mitgliedern erreicht hat. Und warum die Regelung in der Stahlbranche erst der Anfang ist.

Am 7. Oktober ist “Tag gegen prekäre Beschäftigung”. Leiharbeit ist eine Form von prekärer Beschäftigung. Im aktuellen Tarifabschluss für die Stahlbeschäftigten hat sich die IG Metall mit den Arbeitgebern darauf geeinigt, dass Leiharbeiter in der Branche zukünftig gleich bezahlt werden wie Stammbeschäftigte. Warum war es so wichtig, das in einem Flächentarifvertrag zu regeln, wo es doch auch schon viele Betriebsvereinbarungen dazu gab?

Es ging uns darum, einen einheitlichen Standard in der Stahlbranche zu setzen. Betriebsvereinbarungen geben nicht so viel Sicherheit wie Flächentarifverträge. Sie können zum Beispiel gekündigt werden, wenn das Management eines Unternehmens wechselt. Mit dem neuen Flächentarifvertrag haben wir jetzt einen einheitlichen Mindeststandard in der Stahlindustrie. Wir sind schon stolz darauf, dass wir das hinbekommen haben.

Auf den Bildern der Warnstreiks hat man viele junge Menschen gesehen. Gerade sie sind oft von prekärer Beschäftigung betroffen. Wie ist für sie die Situation in der Stahlindustrie, was Befristung und Leiharbeit angeht?

Leiharbeit ist in der Stahlindustrie nicht so verbreitet wie in anderen Industriezweigen. In der nordwestdeutschen Stahlindustrie arbeiten rund 85 000 Menschen; etwa 3000 Leiharbeiter sind dort beschäftigt. Dennoch beobachten wir, dass gerade immer mehr junge Menschen sich von einer befristeten Stelle auf die nächste hangeln. Dabei braucht man gerade in jungen Jahren eine einigermaßen verlässliche Perspektive, um sich eine Existenz aufzubauen. Immerhin ist es uns im Jahr 2009 gelungen, tarifvertraglich festzuschreiben, dass Ausgebildete für 24 Monate übernommen werden.


Die Arbeitgeber plädieren sehr stark für einen Branchenmindestlohn in der Leiharbeit. Wäre das nicht die bessere Alternative für die Leiharbeitnehmer in der Stahlbranche gewesen?

Das Niveau der Entgelte in der Stahlindustrie liegt deutlich über dem Niveau, das in den Tarifverträgen mit den Leiharbeitsverbänden IGZ und BZA festgeschrieben worden ist. Die Ursprungsidee bei den Tarifverträgen mit den Leiharbeitsverbänden war im Jahr 2003, dass man ein Entgelt als unterste Haltelinie hat und dann Branchenzuschläge vereinbart. Das ist sinnvoll, denn die Löhne zum Beispiel von Friseurinnen oder Verkäuferinnen liegen spürbar unter dem, was etwa in der Industrie gezahlt wird. Nur: Zu diesen Branchenzuschlägen ist es nie gekommen – was nicht an uns als Gewerkschaften lag. Deshalb ist es nur konsequent, dass wir jetzt für die Stahlindustrie das Prinzip “Gleiche Arbeit – Gleiches Geld” festgeschrieben haben.

Warum muss die Politik trotzdem noch etwas tun und darf das nicht nur den Gewerkschaften und Arbeitgebern überlassen?

Wir können mit unseren Tarifverträgen nicht all das reparieren, was die Politik in den vergangenen Jahren verbockt hat. Das fängt bei der Rente mit 67 an und hört bei der Deregulierung des Arbeitsmarkts und der Leiharbeit noch nicht auf. Wir haben in dem neuen Tarifvertrag jetzt eine Regelung gefunden, von der Leiharbeiter profitieren, sobald sie einen Fuß in ein Stahlunternehmen setzen. Sobald sie wieder aus der Werkstür raus sind, gelten die anderen schlechteren Regelungen für die Leiharbeit. Die Aufhebung des Synchronisationsverbots und der Befristung von Leiharbeit – das sind nach wie vor Themen, die nur von der Politik zu erledigen sind. Nicht aber von den Tarifvertragsparteien.

Warum sollten sich Leiharbeiter auch in der IG Metall engagieren? Wie ist das Ergebnis von den Leiharbeitnehmern in den Hütten aufgenommen worden?

Mitglieder der Stahl-Tarifkommission haben in der vergangenen Woche berichtet, dass noch am Morgen Leiharbeiter spontan in die IG Metall eingetreten sind. Die Leiharbeiter sagen, sie waren überrascht davon, dass die Stammbeschäftigten eine so große Solidarität aufgebracht haben und sich für die Forderung “Gleiche Arbeit – Gleiches Geld” eingesetzt haben. Dass wir diese Regelung in der Stahlindustrie hinbekommen haben, hat auch damit zu tun, dass der Organisationsgrad der IG Metall hoch ist – 77 000 der 85 000 Beschäftigten sind in der IG Metall – und dass es ein so hohes Maß an Entschlossenheit gab, sich für unsere Forderungen einzusetzen. Immerhin haben sich mehr als 17 000 Menschen an unseren Warnstreiks beteiligt. Gute Organisation und hohe Geschlossenheit – das ist das Rezept, um gemeinsam etwas zu erreichen.

Der Geschäftsführer des Unternehmerverbandes Gesamtmetall, Nico Fickinger, warnt bereits, “eine undifferenzierte Übernahme dieser Regelungen zur Zeitarbeit” werde “mit Sicherheit zu deutlichen Verlusten von Arbeitsplätzen für einfache Tätigkeiten führen”.

Ach, der Herr Fickinger weiß ganz genau, dass wir nirgendwo irgendetwas undifferenziert übernehmen, sondern dass wir uns die Voraussetzungen für die jeweilige Branche immer ganz genau ansehen. Wir haben in der Metall- und Elektroindustrie bereits viele betriebliche Vereinbarungen zur Gleichbezahlung von Leiharbeitern. Und das ist gut. Was zudem tariflich in dieser Branche anzugehen ist, werden unsere Tarifkommissionen beraten. Herr Fickinger macht es sich bei diesem Thema auf jeden Fall zu einfach, wenn er versucht, nur auf Gefahren für Arbeitsplätze zu verweisen. Zwei Klassen von Beschäftigten in den Betrieben – das kann auch im Sinne der Arbeitgeber nicht zu einer Dauereinrichtung in diesem Land werden.



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