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Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Beschäftigten auf einen Rekordwert gestiegen. Sie lag im Jahresdurchschnitt bei mehr als 41 Millionen Menschen, teilte das Statistische Bundesamt mit. Das entspricht einem Zuwachs um 1,3 Prozent. Die Statistiker begründen die Entwicklung in erster Linie mit dem starken Wirtschaftswachstum in den vergangenen beiden Jahren. Die Folgen der guten konjunkturellen Entwicklung zeigen sich seit langem auf dem Arbeitsmarkt. Doch was steckt hinter dem sogenannten “Jobwunder”? Ist es für alle gerecht? Nein, sagt Professor Gerhard Bosch, Arbeitssoziologe und Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen. Der Arbeitssoziologe fordert im Gespräch: Gerade bei der Leiharbeit muss die Politik endlich handeln.
Das vergangene Jahr ist wieder ein Rekordjahr auf dem Arbeitsmarkt. Sehen Sie das auch so?
Bosch: Die Zahl der Beschäftigten ist 2011 um rund 500 000 auf den neuen Höchststand von 41,61 Millionen gestiegen. Dieser wirtschaftliche Erfolg beruht nicht zuletzt auf der guten Leistung und hohen Qualifikation der Beschäftigten. Die Schattenseite liegt darin, dass die meisten von ihnen nicht den gerechten Anteil an diesem Erfolg bekommen. Der Anteil der Löhne und Gehälter am Bruttosozialprodukt nimmt seit Jahren ab. Und in keinem anderen europäischen Land ist die soziale Ungleichheit so stark gewachsen wie in Deutschland. Die Zahl der Niedriglöhner ist bis 2010 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – auf 7,8 Millionen angewachsen. Auch ein Rekord, auf den wir aber nicht stolz sein können.
Haben Minijobs und Teilzeitstellen weiter zugenommen?
Bosch: Seit 2004 ist die Zahl der Vollzeitbeschäftigten um etwa 150 000 gestiegen; die der Teilzeitbeschäftigten stieg aber im gleichen Zeitraum neunmal so stark um 1,34 Millionen. Teilzeitarbeit wird oft von den Beschäftigten gewünscht, die so familiäre Verpflichtungen und Berufstätigkeit besser miteinander verbinden können. Das sind meistens Frauen, zunehmend aber auch Männer. Wenn Teilzeit selbst gewählt ist und man auf Vollzeit zurückwechseln kann, liegt diese Flexibilität im Interesse der Beschäftigten. Wenn Sie aber nur noch einen nicht existenzsichernden Minijob angeboten bekommen, wie es heute im Einzelhandel oder in der Gastronomie üblich ist, dann enden sie in einer schlecht bezahlten Sackgasse. Ungefähr 90 Prozent aller Minijobber erhalten einen Niedriglohn und werden vielfach für gleiche Arbeit schlechter entlohnt als sozialversicherungspflichtige Beschäftigte im selben Betrieb. Das ist gesetzeswidrig, aber gängige Praxis. Dass wir heute die mehr als sieben Millionen Minijobs zusätzlich noch durch Abgabenfreiheit subventionieren, schädigt die Sozialkassen und ist ein Skandal.
Was bedeutet die gute Beschäftigungssituation für die Leiharbeitsbranche?
Bosch: Leiharbeiter sind Arbeitskräfte auf Abruf, die nur dann gebucht werden, wenn Bedarf besteht. Wechselbäder zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit sind typisch.
Da Leiharbeiter auch noch schlecht bezahlt werden und durch unstete Beschäftigung oft nicht die nötigen Versicherungszeiten in der Arbeitslosenversicherung aufweisen können, münden sie bei Arbeitslosigkeit oft direkt in der Grundsicherung, also Hartz IV.
Etwa ein Drittel aller Arbeitslosen, die sofort auf Hartz IV angewiesen sind, waren Leiharbeiter. Sie können kein Vermögen aufbauen, da dies ja auf die Grundsicherung angerechnet wird.
Die Aufstockung niedriger Leiharbeitsgehälter kostet die Bundesagentur für Arbeit mehr als 500 Millionen Euro jährlich. Mit unseren Beitragsgeldern werden die schlechtesten Unternehmen auch noch subventioniert. Mit Marktwirtschaft hat das wenig zu tun.
Wie wird es Ihrer Meinung nach mit dem “Jobwunder” in diesem Jahr weitergehen?
Bosch: Ich habe selten eine so große Unsicherheit bei den Wirtschaftsprognostikern gesehen, wie zurzeit. Aufgrund der Eurokrise und der Sparpolitik in Europa gehen sie alle davon aus, dass die Exporte nicht mehr oder nur wenig wachsen und die Investitionen stagnieren werden.
Vorsichtshalber werden auch Negativszenarios eines stagnierenden Welthandels berechnet, in denen unsere Wirtschaft schrumpft. Im ersten Halbjahr 2012 wird die Beschäftigung aufgrund der gut gefüllten Auftragsbücher wohl noch leicht zunehmen. Die weitere Entwicklung hängt von der Lösung der Euro-Krise ab.
Was muss die Politik tun, damit die gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt auch endlich bei den Geringverdienern und Leiharbeitnehmern ankommt?
Bosch: Hier hilft nur ein Maßnahmepaket. Dazu gehören ein flächendeckender Mindestlohn, Equal Pay für Leiharbeiter – also gleiches Geld für gleiche Arbeit – und die Abschaffung oder deutliche Begrenzung von Minijobs. Vor allem aber müssen Tarifverträge wieder gestärkt werden.
Durch genauere Anforderungen an die Unabhängigkeit und Durchsetzungsfähigkeit von Gewerkschaften müssen die Möglichkeiten der “christlichen” Scheingewerkschaften, Tarifverträge abzuschließen, eingeschränkt werden. Zudem müssen in Branchen mit hohen Anteilen an Kleinbetrieben, Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklärt werden.
Günter Baaske, Minister für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Brandenburg
“Gute Arbeit muss heißen: Gute Bezahlung …”
Prof. Dr. Wolfgang Schroeder, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Brandenburg
“Gute Arbeit muss heißen: Gute Bezahlung …”
Prof. Dr. Gerhard Bosch, Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation Uni Duisburg-Essen:
“Der Staat und die Bundesagentur für Arbeit subventionieren also die schlimmsten Praktiken der Leiharbeit.”…
Dr. Franz Segbers, Theologe und Professor für Sozialethik Uni Marburg:
“Jeder, der arbeitet, hat Anspruch auf gleiche Bezahlung, gleiche Rechte und gleiche soziale Sicherheit.”…
Thomas Schlenz, Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektor ThyssenKrupp AG:
“Wer gleiche Arbeit leistet muss auch gleiches Geld bekommen. Deswegen unterstütze ich die Initiative Faire Leiharbeit…”
Klaus Franz, ehem. Vorsitzender des Konzernbetriebsrats bei Opel:
“Als Betriebsrat bei Opel fordern wir eine Gleichbehandlung der Beschäftigten in Arbeitnehmerüberlassung…”
Matthias Machnig, Thüringer Minister für Wirtschaft, Arbeit und Technologie:
“Gerade im Bereich der Leiharbeit besteht dringender gesetzlicher Handlungsbedarf …”
Bettina Haller, Betriebsrat Siemens AG:
“Zeitarbeitsverträge sind kein Zukunftsmodell. Menschen sind keine Artikel, die einfach mal mit einem Leasingvertrag entsorgt werden…”
Dr. Albrecht Schröter, Oberbürgermeister Jena:
“Leiharbeiter dürfen nicht Beschäftigte zweiter Klasse sein. Deshalb muss die Politik Regeln setzen…”
Jürgen Dömel, ehem. KBR-Vorsitzender
der Carl Zeiss AG
“Die gleiche Arbeit muss auch gleich vergütet werden. Andere Länder, wie beispielsweise Frankreich, beweisen dass dies geht…”
Dr. Hartmut Seifert, Arbeitsmarktforscher:
“Langfristig schadet ein Arbeitsmarkt, der in atypisch und normal Beschäftige gespalten ist, auch den Stammbelegschaften…”
Paul Schobel, Industriepfarrer:
“Wer heute entlassen wird, kann morgen Leiharbeiter sein. Das sorgt für Berührungsängste…”
Dr. Ulrich Maly, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg:
“Es ist notwendig, Leiharbeit so fair zu gestalten, dass sie nicht als rechtlich sanktionierte Billigarbeit missbraucht werden kann…”
Dr. Norbert Vornehm, ehem. Oberbürgermeister der Otto-Dix-Stadt Gera:
“Ich unterstütze die Initiative “Gleiche Arbeit Gleiches Geld”, weil das ein zwingendes Gebot von Gerechtigkeit ist…”
Prof. Dr. Peter Bofinger, Geschäftsführer des Volkswirtschaftlichen Instituts der Uni Würzburg:
“Unsere Lebensverhältnisse dürfen nicht in erster Linie vom Markt bestimmt werden. Notwendig sind robuste soziale Leitplanken…”
Jens Köhler, Betriebsratsvorsitzender BMW Werk Leipzig:
“Zeitarbeiter müssen Stammbeschäftigten gleich gestellt werden. Es ist erforderlich, die Leihdauer wieder zu befristen…”
Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach, Jesuitenpater, Wirtschafts- und Sozialethiker:
“Gerechtigkeit bedeutet, die Interessen der am wenigsten Begünstigten vorrangig zu berücksichtigen…”
Prof. Dr. Kerstin Jürgens, Soziologin:
“Ich unterstütze die Initiative der IG Metall, weil die Missachtung gleicher Arbeitsleistung eine Ungerechtigkeit darstellt…”
Manfred Schoch, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der BMW AG
“Es kann nicht angehen, dass in Betrieben Stammmitarbeiter entlassen und dafür Zeitarbeitskräfte eingesetzt werden…”
Renate Licht, Vorsitzende des DGB Thüringen:
“In meinen Augen ist es eine Frage des Respekts vor der Arbeit der Menschen, dass sie für ihre Arbeit einen Fairen Lohn erhalten…”
Peter Mosch, Gesamtbetriebsratsvorsitzender AUDI AG:
“Wir brauchen klare Regeln für Leiharbeit, damit unsere Kolleginnen und Kollegen nicht im Abseits stehen…”
Thomas Klippstein, Gesamtbetriebsratsvorsitzender Jenoptik Optical Systems GmbH:
“Wer auf dem Boden des Grundgesetzes steht, wird sich gegen Diskriminierung wenden!…”
Udo Belz, Betriebsrat bei Alstom in Mannheim
“Gewerkschaft und Betriebsräte dürfen der Beschäftigung von Leiharbeitnehmer/innen nur in absoluten Ausnahmefällen zustimmen…”
Prof. Dr. G. Günter Voß, Technische Universität Chemnitz – Institut für Soziologie
“Nur mit fairer Bezahlung, fairen Arbeits- bedingungen und fairen Beschäftigungschancen können heutzutage Betriebe erfolgreich sein…”
Manfred Breuckmann, Journalist/Autor in Düsseldorf
“Ich unterstütze die Inititiative Gleiche Arbeit Gleiches Geld, weil ich für Gerechtigkeit bin…”
Prof. Dr. Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung, Ressortleiter Innenpolitik
“Das 19. Jahrhundert darf nicht bis ins 21. Jahrhundert andauern”
Maria Peschek, Kabarettistin
“Ich möchte nicht in einem Land leben, dass eine Zwei-Klassen-Gesellschaft hinnimmt!”
Waltraud Schäfer, stellvertretende Landrätin Kreis Siegen-Wittgenstein
“Es darf keine Beschäftigten 2. Klasse geben!”
Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin München und Oberbayern
“Leiharbeit ist ihr Geld wert. Vorallem aber sind es die Menschen, die ihre Gaben und Fähigkeiten in Unternehmen einbringen …”
Josef Deimer, Altoberbürgermeister der Stadt Landshut
“Es ist eine Schande für die Soziale Marktwirtschaft …”
Dirk Grunert, Stadtrat Mannheim, BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN
“Der unfaire Lohndruck auf Stammbelegschaften durch billige Leiharbeit muss so schnell wie möglich beendet werden.”
Helen Heberer, Abgeordnete des Landtages Baden-Württemberg
“Es geht hier um gleiche Chancen und Fairness auf dem Arbeitsmarkt!!”
Wolfgang Raufelder, Gemeinderat Mannheim, BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN
“Wir brauchen keinen Niedriglohnsektor in unseren Betrieben!”
Gerhard Fontagnier, Gemeinderat Mannheim, BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN
“Arbeit leihweise anzubieten ist schon kaum zu ertragen …”
Richard Huisinga, Hochschullehrer an der Universität Siegen
“Das Sozialgesetzbuch definiert die ‘Teilhabe am gesellschaftlichen Leben’ als Sozialnorm …”
Christian Ude, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München
“Arbeitgeber dürfen schwächere Verhandlungspositionen niemals ausnutzen …”
Hans-Jochen Vogel, Altoberbürgermeister der Stadt München, Bundesminister a. D, ehem. SPD-Vorsitzender
“Es handelt sich um eine Grundfrage der sozialen Gerechtigkeit”
Michael Lerchenberg, Intendant der Luisenburg-Festspiele Wunsiegel
“Leistung und Arbeit sollen sich wieder lohnen!”
Ralph Korschinsky, Geschäftsführer der KAB Bamberg
“Die KAB fordert einen Lohnaufschlag von 10% für Leiharbeit …”
Hubertus Förster, Katholischer Stadtdekan von Nürnberg
“Gerechtigkeit ist die Grundlage jedes menschlichen Zusammenlebens und der Garant für sozialen Frieden …”
Gabriele Warminski-Leitheußer, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg:
“Leiharbeit zu Dumping-Konditionen ist empörendes Unrecht.”
Marianne Bade, SPD-Stadträtin Mannheim
“Gerechtigkeit ist mehr als nur ein Thema für Sonntagsreden. “
Dr. Gerhard Schick, MdB Bündnis 90/Die Grünen, Finanzpolitischer Sprecher
“Die derzeitige Form der Leiharbeit erhöht die Unsicherheit bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern …”
Martin Huhn, Industriepfarrer Evangelische Landeskirche Baden – Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt (KDA)
“Leiharbeitnehmer werden behandelt wie Arbeitnehmer zweiter Klasse …”
Dr. Stefan Fulst-Blei, SPD-Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg:
“Die Zukunftsfähigkeit des „Modells Deutschland“ ist mit einem funktionierenden Tarifsystem, starken Gewerkschaften und stabiler Lohnentwicklung verbunden …”
Hans Hartl, Landesbezirksvorsitzender Gewerkschaft NGG, Bayern
“Wir fordern den Gesetzgeber auf, die in den letzten Jahren ausufernde Leiharbeit auf maximal 3 Monate zu begrenzen …”
Renate Schmidt, Bundesfamilienministern a.D.
“Viele Unternehmen ‘missbrauchen’ Leiharbeit als “Regel-Arbeitsverhältnis …”
Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern
“Die Würde des Menschen ist die oberste Prämisse des Handelns …”
Markus Pannermayr, Oberbürgermeister der Stadt Straubing
“Soziale Gerechtigkeit darf keine Idee bleiben, sondern muss gelebt werden!”
Günter Wallraff, Schriftsteller
“Leiharbeit: billige und willige, schneller zu heuernde und zu feuernde Lückenbüßer …”
Jürgen Nimptsch, Oberbürgermeister
der Stadt Bonn
“Die aktuelle Praxis von Leiharbeit unterwandert Chancengleichheit und Mitbestimmung …”
Prof. Dr.-Ing. Constantin Kinias, ehem. Rektor der Fachhochschule Kiel:
“Deutschland braucht innovative Köpfe …”