Werkverträge: Die neue Billig-Masche der Arbeitgeber

06.01.2012 | Reportage über den Einsatz von Werkverträgen

Die neue Billig-Masche der Arbeitgeber

Schild vor Himmel: "Sonderangebot"

© himberry / photocase.com

 

Die Masche Leiharbeit funktioniert nicht mehr ganz so billig. IG Metall und Betriebsräte setzen in immer mehr Betrieben bessere Regeln und Bezahlung für Leihbeschäftigte durch. Und seit 2011 gilt ein Mindestlohn. Immer mehr Arbeitgeber geben daher Arbeit über Werkverträge an "Dienstleistungs"-Firmen raus. Vorbei an Mindest­löhnen, Tarif­ver­trägen und Betriebsräten. Die nächste Masche, um Menschen billig in unsichere Jobs und an den Rand der Betriebe zu drängen. So nicht, sagt die IG Metall, und packt die Werkverträge nun an.

Der Parkplatz am BMW-Werk Leipzig ist rappelvoll. Viele steigen schon in Arbeitsmontur aus - doch nur ein Teil in BMW-Overalls. Der Rest trägt Faurecia, SAS, Kühne und Nagel und wie sie alle heißen. 26 Dienstleistungsfirmen lassen hier über Werkverträge Menschen für BMW arbeiten. Längst nicht mehr nur in der Kantine oder an der Pforte, sondern bis tief in der Produktion. Für bis zu 1000 Euro weniger im Monat als die festen BMWler.

Die Hälfte der 5000 Menschen hier kommt mittlerweile von Werkvertrags-Firmen wie der Wisag Produktionsservice. 200 Wisag-Beschäftigte bauen in einer Halle Achsen zusammen, keine hundert Meter vom BMW-Montageband entfernt. Antriebswelle und Getriebe hochheben. Zusammenschrauben. Alles im 67-Sekunden Takt. Sie sind im Schnitt 33 Jahre alt. Länger halten ihre Knochen nicht durch. Sie haben zwar einen Betriebsrat, doch der kann wenig machen. "Halle, Teile, Maschinen - alles gehört dem Auftraggeber BMW, der auch die Takte vorgibt. Da haben wir keinen Zugriff, um Arbeitsplätze weniger belastend zu gestalten", kritisiert Patrick Wohlfeld, Betriebsratsvorsitzender der Wisag.

Nach 67 Sekunden fährt die fertige Achse ein paar Meter rüber in die nächste Halle. Nicht zu BMW. Sondern zur nächsten Werkvertrags-Firma HQM, die die Achse mit dem Motor "verlobt" und dann ans BMW-Band weiterliefert.

 

Unternehmensberater empfehlen Werkverträge als Alternative zu Leiharbeit


Die Wisag, ursprünglich eine Gebäudereinigungsfirma, ist heute mit 5000 Leuten bundesweit als Industrie-Dienstleister unterwegs. Das Geschäft mit den Werkverträgen boomt, von Unternehmensberatern und Anwälten als Alternative zur Leiharbeit empfohlen. Denn Werkverträge sind weniger reguliert als Leiharbeit, in der seit Mai 2011 ein Mindestlohn gilt. Und wo Betriebsräte und IG Metall immer öfter bessere Bedingungen durchsetzen.

Bei BMW in Leipzig gibt es Werkverträge schon seit Jahren, neben Leiharbeit. Beides lässt sich auch bestens kombinieren: Die Wisag arbeitet nicht für BMW direkt, sondern im Auftrag der ThyssenKrupp Automotive, die mit BMW den Achsen-Werkvertrag geschlossen hat und wiederum die Beschäftigten von der Wisag ausleiht.

Ein schlauer Kniff: Denn eigentlich erhalten Leihbeschäftigte bei BMW den IG Metall-Tariflohn. Das hat der BMW-Betriebsrat vor vier Jahren durchgesetzt. Doch das gilt rechtlich nur für Leiharbeiter direkt bei BMW. Nicht für Leiharbeiter, die formal für andere Unternehmen arbeiten, nämlich für die Werkvertrags-Firmen.

Die Zwei-Klassen-Belegschaft war gestern. Heute gibt es vier Klassen: BMW-Stamm- und BMW-Leihbeschäftigte, feste Werkvertragsleute und Werkvertrag-Leihbeschäftigte. Rund um die Kernbelegschaft wuchert ein bunter Rand. Ein Flickenteppich aus zig Vertragsarten.Viele stolpern seit Jahren von einem Rand-Flicken zum nächsten. Ein fester BMW-Job ist dabei unerreichbar.

"Das geht fast jedem hier so", erzählt der gelernte Lackierer Daniel O.* "Als ich vor vier Jahren mit Leiharbeit angefangen habe, konnte ich höchstens ein halbes Jahr planen. Jetzt habe ich endlich einen festen Vertrag bei HQM und habe Sicherheit. Anders als viele Leihleute, die zu Weihnachten weggeschickt werden."

*Name von der Redaktion geändert

Seite 2 - Besser mit Betriebsräten

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