Mehr Flexibilität plus weniger Grundsicherung gleich mehr Arbeitsplätze und mehr ökonomische Sicherheit für alle. So lautete die Formel der Arbeitsmarktreformen Hartz I bis IV. Eine Erfolgsformel, findet das arbeitgebernahe Institut für Wirtschaftsforschung (IW) und lobt die flexiblen Beschäftigungsverhältnisse als „Sprungbrett“ auf den Arbeitsmarkt. Die geschönten Zahlen mit denen man zu diesem Ergebnis kommt, stellt das IW in seiner aktuellen Studie vor.
Eigentlich ist es eindeutig, dass die Arbeitsmarktreformen ihre Versprechen an die Beschäftigten bis heute nicht erfüllt haben. Im Gegenteil: Während die Wirtschaft in den Jahren vor der Krise jährlich um bis zu 3 Prozent wuchs, sank die Arbeitslosigkeit nur um 2 Prozent. Das Armutsrisiko stieg sogar deutlich an, denn zusätzlicher Personalbedarf wurde ausschließlich mit atypischen Arbeitsverhältnissen, wie Leiharbeit, geringfügig entlohnten Minijobs und befristeten Stellen gedeckt. Arbeitsverhältnisse, die in den meisten Fällen so schlecht bezahlt sind, dass die Löhne mit Hartz IV aufgestockt werden müssen, um zum Leben auszureichen.
Der Rechentrick des IW
Und wie kommen die Wissenschaftler des IW trotzdem zu einem positiven Ergebnis? Sie vergleichen das Rezessionsjahr 2003 einfach nicht mit dem Krisenjahr 2009, sondern mit dem letzten Aufschwungjahr 2008.
So stellen sie fest, dass in dieser Phase des Wachstums zumindest keine bestehenden Vollzeitstellen durch „flexible Stellen“ verdrängt wurden. In den Augen des IW ist das ein Indiz für den Erfolg der Hartz-Reformen. Und selbst auf dieses aus Arbeitnehmersicht ernüchternde Ergebnis kommen die Ökonomen nur mit einem kleinen Rechentrick. Sie zählen die mehrheitlich unbefristete, aber dennoch jederzeit kündbaren, Vollzeitbeschäftigung von Leiharbeitnehmern zu den regulären Vollzeitstellen.
Anders als das IW behauptet sind flexible Jobs für die Mehrheit der Beschäftigten eher eine Sackgasse als ein „Sprungbrett“ auf den Arbeitsmarkt. Nur wenige, meist junge Menschen schaffen den Übergang in eine reguläre Beschäftigung. Wenn das Wirtschaftswachstum nachlässt, sind Leiharbeitnehmer, Befristete und geringfügig Entlohnte die ersten, die entlassen werden. Und nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bezieht fast die Hälfte von ihnen einen Niedriglohn. Das kritisierte kürzlich auch die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Deutschland eine „Zweiklassengesellschaft am Arbeitsmarkt“ attestierte. Für die Beschäftigten ist die Formel der Hartz-Reformen also nicht aufgegangen. Profitiert haben allein die Unternehmen.
Zum Nachlesen:
Statistisches Bundesamt: Umfang atypischer Beschäftigung hat zugenommen
Statistisches Bundesamt: "Niedrigeinkommen und Erwerbstätigkeit"
Bundesagentur für Arbeit: Zeitarbeit, Entwicklung Juni 1998 – Juni 2008
Pressemitteilung des IW Köln