Flexibilisierung gilt unter Managern und Unternehmern seit Jahren als eine Art Wundermittel. Je flexibler der Arbeitsmarkt, etwa durch weniger Kündigungsschutz oder mehr Leiharbeit, desto erfolgreicher die Wirtschaft und desto mehr Beschäftigung, so die Annahme. Als Beweis für die Wirkung dieser Formel diente bislang vor allem Dänemark. Eine spezielle Mischung aus Flexibilität und Sicherheit (englisch: security), genannt „Flexicurity“, sorgte dort in den 1990er Jahren für das „Jobwunder im Norden“, wie Die Zeit damals titelte. Die Wirtschaftskrise holt dieses Wunder nun auf den harten Boden der Realität zurück.
Die Nebenwirkungen von „Flexicurity“
Seit Mitte der 1990er Jahre ist der Kündigungsschutz in Dänemark so gut wie abgeschafft. Das Grundsicherungsniveau ist dafür umso höher. Vier Jahre lang haben Arbeitnehmer einen Anspruch auf bis zu 90 Prozent ihres letzten Einkommens (maximal 2190 Euro). Und auch die Einkommen sind vergleichsweise hoch. Das dänische Arbeitsrecht und starke Gewerkschaften sorgen dafür, dass rund 99 Prozent der Beschäftigten in Dänemark nach Tarif bezahlt werden. In der Krise kommen nun die gefährlichen Nebenwirkungen von Flexicurity zum Vorschein. Die Erwerbslosenquote hat sich von 1,8 auf 5,4 Prozent verdreifacht.
Schon diese vergleichsweise niedrige Rate stört das sensible Gleichgewicht aus Sicherheit und Flexibilität empfindlich. Aufgrund der hohen Grundsicherung schnellen die staatlichen Sozialausgaben in die Höhe. Und Arbeitnehmer und Gewerkschaften wollen sich in dieser Situation offenbar nicht mit der Aussicht auf Arbeitslosengeld und den damit verbundenen Auflagen zufrieden geben. In Tarifverhandlungen haben sie erstmals seit der Arbeitsmarktreform erstritten, dass Arbeitgeber im Fall einer Kündigung eine Abfindung zahlen müssen. Gegenüber der Frankfurter Rundschau wertete der Arbeitsmarktforscher Flemming Ibsen dies als einen „Schritt weg vom dänischen Modell“.
Flexibilisierung führt in einen Teufelskreis
Denjenigen hierzulande, die mit Fingerzeig auf Dänemark die Abschaffung des Kündigungsschutzes und den Ausbau von Leiharbeit fordern, sollten also spätestens jetzt erkennen: Selbst wenn es durch den Ausbau anderer Sicherheiten abgefedert wird, wirkt das „Wundermittel“ Flexibilisierung nur in Aufschwungphasen. Wenn in der Krise viele Unternehmen gleichzeitig ihre Belegschaft verkleinern, finden Arbeitnehmer keine neuen Arbeitsplätze. Der Staat bleibt auf den Mehrausgaben für ihre Grundsicherung sitzen. Und am Ende bezahlen auch die Unternehmen für ihre eigene Flexibilität: Mit zunehmender Arbeitslosigkeit gehen ihnen noch mehr kaufkräftige Konsumenten verloren. Ein solcher Teufelskreis kann nur mit stabilen Arbeitsverhältnissen und aktiver Beschäftigungssicherung verhindert werden.